Die Bieler Gespräche, ein unerhörtes Experiment
Die Bieler Gespräche sind paradox:
Es treffen sich Schreibende, aber es wird gesprochen. AutorInnen werden zu RezeptorInnen und Schreibende hören, was ihnen Übersetzende als „die etwas anders Lesenden“ zu sagen haben - und zwar in drei Sprachen! In einem unerhörten Experiment werden eigentlich unvereinbare Gegensätze zu einem einzigen literarischen Projekt zusammengeführt.
Anders als herkömmliche Leser oder auch Lektoren, Kritiker oder Literaturwissenschaftler sehen ÜbersetzerInnen in einem Text nicht nur ein fertiges Produkt, etwas Beendetes, zu Kritisierendes, Lobendes oder zu Verbesserndes, sondern für sie ist ein Text gleichzeitig etwas neu zu Beginnendes, ein Auftrag. Im Gespräch von Schreibenden und Übersetzenden über einen Text schließt sich somit der Kreis seiner Entstehung wieder, so dass auch für die AutorInnen eine echte Neubegegnung mit dem eigenen Erzeugnis möglich wird.
Durch den Austausch von AutorInnen mit Übersetzenden und Mit-Schreibenden und der Konfrontation von Texten mit ihren Spiegelbildern in den anderen Sprachen entstehen Reflexionen im ganz ursprünglichen Sinne des Wortes. Es ergeben sich spannende Zusammenhänge und neue Perspektiven, die außerhalb dieses Experiments selten in solcher Dichte zustande kommen können.
Und vielleicht springen dabei auch einige erleuchtende Funken...
