3. Bieler Gespräche - anstelle eines Porträts eine Pressereaktion


«Schneedämmerblau» auf Französisch

ÜbersetzerInnen und SchriftstellerInnen treffen sich zu den 3. «Bieler Gesprächen». Am Abend stellen sie sich mit neuen Texten dem breiten Publikum.

PETER P. SCHNEIDER

Wenn man eine deutschsprachige Kurzgeschichte ins Französische und diese ins Italienische und diese insDeutsche rückübersetzt, wird der neue deutsche Text kaum mehr etwas mit der Urfassung gemein haben. Übersetzen ist ein komplexes Geschäft. Die Texte sollen gleichzeitig in der Zielsprache stimmig wirken und den Charakter der Vorlage erkennen lassen.

Sprachliche Knacknüsse
«Speziell grossenHerausforderungen begegnen Übersetzenden bei Gedichten», sagt Jacqueline Aerne, welche die Vorbereitungen der «BielerGespräche» koordiniert und auch als Übersetzerin arbeitet. «Wie soll man etwa die Worte ‹schneedämmerblau› oder ‹Spiegelgesichter› der Lyrikerin Erika Burkart in einer andern Sprache wiedergeben», fragt sie und macht klar, dass Übersetzen eine höchst literarische Tätigkeit ist. Niemand liest Texte so genau, vertieft sich in jedes Detail, wie jene, die sie angemessen in eine andere Sprache übertragen. Viele sprachliche Knacknüsse müssen Übersetzer selber bewältigen, aber oft hilft auch das Gespräch weiter. In «Spiegelgesichtern» reflektieren nicht Gesichter ihre Umgebung, sondern da scheinen Köpfe in Zugfenstern auf, klärte Erika Burkart ihre Übersetzerin auf. Manchmal schenken aber auch die Übersetzerinnen den Schriftstellern eine ganz neue Sicht auf ihre eigenen Texte und weisen sie auf unvermutete Bedeutungen hin.

Spannende Unterschiede
Austausch ist wichtig – die «Bieler Gespräche» führen dies mit Diskussionen zwischen Autoren
und Übersetzern vor. Für die Tagung schickten in der Schweiz lebende Schriftsteller unpublizierte Texte ein. Jener von Annette Hug wurde von Catherine Seylaz und Georgette Blanc im Vorfeld der Tagung ins Französische übertragen. Die Unterschiede zwischen den drei Texten stiften den Stoff für Diskussionen. Weitere Gespräche drehen sich um die literarischen
Vorlagen selbst. Es handelt sich um Texte, die erst im Entstehen begriffen sind und an denen die Autoren nach den Debatten feilen. Schreiben und übersetzen sind eine einsame Tätigkeit
– da ist die Möglichkeit, sich gegenseitig zu inspirieren, sehrwillkommen. Auch bekannte Autorinnen steuern neue Texte und Referate bei: Friederike Kretzen, Ingrid Fichtner sowie der
Netz- und Weblogautor Hartmut Abendschein.

öffentliche Lesung in drei Sprachen
Am Abend dann ist das breite Publikumeingeladen: Die in den Stunden zuvor besprochenen, meist noch nie veröffentlichten Arbeiten werden in der Stadtbibliothek vorgetragen. «Ich wünsche mir spannende Werkstattgespräche und viele Zuhörer. Sie bekommen einen uerschnitt durch die literarische Produktion zu Gehör», sagt JacquelineAerne. Elena Spoerl Voegtlis italienische Gedichte werden auch auf Deutsch vorgetragen, und in Marc Djizmedjian
lernen die Besucher einen noch wenig bekannten Zürcher mit armenisch-französischen Wurzeln
kennen. Vielleicht befindet sich unter denGästen an der Dufourstrasse auch ein Sponsor fürs nächste Jahr, damit die Übersetzerinnen künftig keinen Frondienst mehr leistenmüssen.
(Bieler Tagblatt 22. Januar 2010)