3. Bieler Gespräche
An den 3. Bieler Gesprächen wurden in deutscher Sprache Texte folgender AutorInnen zu Gehör gebracht und diskutiert:
Originaltexte
Marc DjizmedjianIngrid Fichtner
Annette Hug
Friederike Kretzen
Referat
Hartmut AbendscheinÜbersetzungen aus dem Italienischen
(Angaben folgen)Originaltexte
Marc Djizmedjian:Das blaue Haus. Erzählung. (Auszüge aus dem 1. Kapitel)
1. Tage
(…) Paul hatte, als er jünger gewesen war, ein eher unstetes Leben geführt. Er hatte einige Freundinnen gehabt, war oft in irgendwelchen Bars versumpft. Zwar hatte er studiert, hatte das Studium aber nie beendet. Immer wieder hatte es Verzögerungen gegeben, und dann, ein halbes Jahr vor den Prüfungen, kurz vor seinem achtundzwanzigsten Geburtstag, kamen seine Eltern bei einem Autounfall oberhalb von Montreux ums Leben. Es war ein Schock für ihn gewesen, von dem er sich längere Zeit nicht erholte. Sein Bruder Robert, den er mehrere Jahre lang nicht gesehen hatte, reiste aus England an, wo er seit seiner Heirat lebte. Sie räumten das Haus ihrer Eltern, das sie später verkauften. Robert wohnte bei Paul in der kleinen Wohnung. Sie verstanden sich gut. Zehn Tage nach dem Begräbnis reiste Robert nach England zurück.
Nach dem Begräbnis nahm Paul die Gewohnheit an, bei seiner Tante Mathilde zu essen. Mathilde war die ältere Schwester seiner Mutter, die ihm und Robert geholfen hatte, die komplizierten Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. Mathilde war pensioniert und lebte allein. Er mochte sie, und das nicht nur, weil sie ihn nicht mit Fragen nach seiner Zukunft belästigte. Sie erzählte ihm ein paar Dinge aus dem Leben seiner Mutter, von denen er nichts gewusst hatte. Es erstaunte ihn zu hören, dass seine Mutter während mehrerer Jahre einen Liebhaber gehabt hatte. Am Begräbnis war ihm tatsächlich ein Fremder aufgefallen, den niemand zu kennen schien. Er hatte sich nicht weiter um ihn gekümmert. Nach dem Tod seiner Eltern zog Paul sich von den Menschen zurück. Seine Freunde sah er fast gar nicht mehr und er ging auch nicht mehr zur Universität. Selbst Christine, seiner damaligen Freundin, wurde er fremd, und irgendwann trennten sie sich.
Wenn Paul las, kam Solange manchmal in sein Zimmer und legte sich auf sein Bett. Sie sprachen nicht, und Paul las weiter, während Solange vom Bett aus zu ihm blickte. Sie liebte es, ihm beim Lesen zuzusehen, es gab ihr das Gefühl, dass die Dinge berechtigt waren. Es war sehr still im Zimmer, man hörte nur, wenn Paul eine Seite umblätterte.
Wer nicht wusste, dass Paul und Solange ein Paar waren, hätte sie leicht für Bruder und Schwester gehalten, und irgendwie waren sie das vielleicht auch.
Ingrid Fichtner:
Gesteigertes Wetter (ein Auszug)
Das plötzliche Einsetzen schreckt sie auf: Sirenen.
In die Mittagszeit.
Dann aber, sie ist erstaunt, entwickelt sich das Geheul nicht wirklich beunruhigend, es läuft, ver...läuft melodiös die Quart hinauf- und hinunter, füllt die Quart fast angenehm auf.
Dann ist es wieder still.
Sie schaut auf, schaut hinaus, auf die Strasse. Alles bleibt ruhig.
Das zweite Einsetzen der Sirene, wenig später, schreckt sie nicht weniger auf.
Verläuft ganz gleich.
Sonst tut sich nichts.
Was war es? Mittagszeit, halb zwei ... zwei? ... Mittwoch; heller Mittag ... im Winter ... Winter? ... Sirenen? ... Anfang Februar.
Das Haus war, die Umgebung war, sonst, so ... still.
Und ist es dann auch gleich wieder.
Auf den Alarm folgt – nichts.
Sirenen, die nichts ... bedeuten?
Am Vormittag hatte es geregnet. Frühlingshaft, sanft ... und dann wieder heftig. Am Vormittag hatten die Äste der grossen Kiefer vor dem Haus, von Windstössen gebeutelt, wild geschwankt: Seegang.
Jetzt wärmt die Sonne. Jetzt fallen kräftige Sonnenstrahlen in Ninas Arbeitszimmer. April – schon im Februar?
An der Eibenhecke lehnt noch, ragt noch die Leiter des Gärtners; wenn auch nicht bis in einen Himmel. In der Nacht musste es kalt gewesen sein, am Morgen war die Wiese von einem Hauch Schnee, einer dünnen, durchsichtigen Schneeschicht überzogen gewesen. Die Primeln schienen irgendwie geschrumpft – vielleicht hätten sie sich gern in die Erde zurück verzogen. Die lila Krokusblüten schienen bleicher, die Schneeglöckchen aber strotzten weiterhin. Unbeirrt? Sorgten jetzt sie für ein Weiss, fürs nötige Weiss?
Ganz sacht setzt Regen ein, zärtlich fast, ein Nieseln, der Wind dreht die Tropfen zu sanften Spritzern, er treibt ein Spiel mit ihnen, lässt sie dann, die reine Feuchtigkeit, in kleine Körper zusammengefasst, kurz, ganz kurz, in der Luft stehen, und schon ist alles wieder vorbei. Regen. Nur eine Andeutung, die Andeutung einer Möglichkeit. Den Boden können diese Tropfen kaum erreicht haben.
Und gleich wieder: von etwas Sonnenlicht ausgeleuchtet, lautlos, ein klein wenig schräger jetzt, Regen ... Tropfen ... Striche, immer längere, gezogen, zu immer längeren Strichen, zu feinen Striemen gezogen, und vom Boden aufgesogen.
Und plötzlich wird es dunkel, sehr dunkel, plötzlich regnet es in Strömen. Das Geländer am Balkon wird zur Reling. Die Tropfen prallen auf das Eisen, platzen, springen hoch, kleine Fontänen. Andere hängen, am unteren Rand des Geländers, wie Noten an Notenlinien hängen, werden grösser, füllen sich, werden schwer, schwerer, lösen sich, fallen.
Ist, wo Regen ist, das Meer nicht weit?
Annette Hug:
Institution (für die Übersetzung siehe Français > Traductions)
1. Corporate Identity
Ein hoher, dunkler Gang führt vielleicht zum Kundendienst. Von irgendwoher fällt Licht ein, zu sehen ist nur Reflexion auf dem blankgeputzten Fussboden. Der Gang ist mit Treppen¬häusern, Rutschbahnen, Aufzügen verbunden, auch mit weiteren Gängen, weniger geputzten; mit Kämmer¬chen, Pärken, Seenlandschaften und Seilbahnen. Rohr¬postverbindungen ras¬seln in den Wänden.
Wahrscheinlich ist der Kundendienst vorne links, wir suchen die Abteilung Sexualpart¬ner, sind als Delegation schwalbenartig formiert, die Pfeilflanken füllen den Gang aus, es wäre kein Ent¬gegen¬kommen möglich.
Eine Falltür verschluckt zuerst die Vordermänner, dann auch alle andern. Im unteren Stock¬werk sind erstmals Menschen zu sehen. Sie schunkeln, das gehört zur Firma, wird aber nicht zu Werbe¬zwecken eingesetzt. Wir fallen noch einen Stock tiefer, in einen Meditations¬kreis. Die Vordermän¬ner atmen sich vollständig aus und er¬warten uns als Biswind im Garten. Wir müssen aber zuerst unsere Reklamation deponieren.
Ein Tempelfräulein schüttet uns Quellwasser ins Gesicht, jetzt wird gegeigt, gekratzt auf allen Höhen, damit es vorwärts gehe. Auf der höchsten Höhe lässt sich der Leiter Weiterbil¬dung verneh¬men, er ist nackt, mit den Füssen hat er sich im Trapez einge¬hängt, das am Gie¬belbal¬ken festge¬macht ist. Er ruft zum Himmel hinauf - aus seiner Perspektive hinunter. Wer nicht frei denken lernt, wird erschossen, ruft er.
Die kleinen Hamster lachen mit gefüllten Backen, zu Tausenden rasen sie durch die Gänge, wir kom¬men alle ins Schleudern, fallen hin, jede in eine andere Richtung, aber der Boden ist von Hams¬tern bedeckt, so werden wir fortgetragen, wieder in eine andere Richtung.
Wo ist der Kundendienst, fragt mich eine Königin im zerfetzten Samtmantel. Gestern hatte sie viel¬leicht Makeup aufgetragen, wahrscheinlich hat sie kaum geschlafen letzte Nacht.
Wo ist der Kundendienst, Abteilung Sexualpartner, insistiert sie und glaubt nicht, dass ich eben¬falls fremd sei, man sehe mir den Domestiken an. Ausserdem glaubt sie nicht an die Evo-lution, sie leugnet die Entwicklung des Allzweckschwamms zu männlichem und weiblichem Gerät, dieses zeuge weder Butler noch Dienstmädchen. Auch keine Gärtner. Sie haben der Königin den Mantel zerfetzt und das Bett gestohlen, deshalb sieht sie so übermüdet aus.
Eine Gärtnerin unterrichtet Vogelsang, Reklamationen müssen gepfiffen werden, in vor¬ge¬gebener Melodiefolge, die Königin will aber schreien. Sie wird neu gepudert und zum Was¬serbett geführt.
Plötzlich fährt die Seilbahn vor, trägt mich in den Thronsaal, wo andere Delegierte sitzen und nach¬denken. Sie versuchen sich zu erinnern, haben noch drei Sekunden Zeit, schauen mich hoffnungs¬voll an, auch ich habe die Reklamation vergessen.
(...)
8. Kabellos
Schaumwellen überfahren den See. Ein Sender ist im Gebirge installiert, damit die En¬ten in Bewegung bleiben. Sie blinzeln das Weiss aus den Augen, wenn sich das Wasser beruhigt. Nicht für lang. Die Wellen werden wieder eingeschaltet. Wir streben nämlich den Grund an und die Wolken, Wellen sind unser Mittel, Bleifüsse das Untel und Kopf¬propeller das Obel.
Rumpfhasen können sich nicht weiter am Unternehmen beteiligen, ihr Kopf schleudert über die Wolken hinaus, von Sternen hat niemand gesprochen. Auch Zitterfersen sind nicht ge¬fragt, wellengängige Oberschenkelmuskulatur wird bei uns vorausgesetzt.
So sinken und springen auch die Gärtner durch den See. In Wellentälern legen sie heim¬lich Eier, damit nächstes Jahr wieder Enten schlüpfen.
(...insgesamt 11 Kurztexte)
Friederike Kretzen:
Reisebewegungen
1.
Onkel Karl war, lange nachdem er aus dem Krieg heimgekehrt war, eines Tages in die Schweiz gereist und hatte mir etwas mitgebracht. Eine Kiste zum Hineinschauen, wie es sie damals von allen als schön bekannten Orten gab, und sie sollten an diese erinnern. Meine Kiste war rot, und als ich später Howling Wolf das Lied ‚Little Red Rooster’ singen hörte, musste ich an sie denken. Auf der Rückseite befand sich das winzige Guckloch, durch das in die Kiste hineinzuschauen war. Als erstes Bild zeigte sich darin gleich der schöne Vierwaldstätter See. Auf Knopfdruck kam das nächste Bild zum Vorschein. Das war das Hotel Sonne, dem das Hotel Mond, auf der gegenüberliegenden Seite des Sees gelegen, folgte. Die Bilder selbst boten nichts weiter als das, doch im Blick auf sie wurde ich auch der halbschwarzen Dunkelheit ansichtig, in der sie hausten, um auf Knopfdruck daraus aufzutauchen, angeschaut zu werden und wieder zu verschwinden. Diesen Blick in ein ungewisses Innere, das es ausserhalb dieses kleinen Kastens nicht gab, nirgendwo auf der Welt, brachten die Bilder mit sich und erlaubten mir ins Auge zu fassen, was nicht Fassbar war. Wunderbar oder wohltuend daran war, dass das nicht ich war, sondern etwas anderes; etwas wie Dunkelheit, Licht, Atem und ein leiser seufzender Ton. Und so unfassbar das war, so ansehbar war es in den sechs Bildern, zu denen auch der Ausflugsdampfer Louisa und die Kirche von Beckenried mit dem angrenzenden Friedhof gehörten. Ich konnte, - wie es so schön heisst - die Augen nicht mehr losreissen von jenem Unansehbaren zu Füssen der Ansichten von See, Hotel, Kirche, das sich dort irgendwo verbarg und auf Knopfdruck hochrutschte.
So geschahen meine ersten, frühen Ausflüge in Gegenden des Andenkens, die niemals vorzufinden waren in einem äusseren Land. Es sei denn, ich hätte vorher, vor jedem Blick, alles, was ich sehen konnte, und dazu gehörte auch alles, was ich nicht sehen konnte, hineingetragen in jenes Land. Das dieser kleine Fernseher mit sich brachte. Und zwar in Form einer ansehbaren und andenkbaren Verborgenheit. Und das war eine Form, in der ich mich mit allem, was ich sah, verbunden fühlte.
Wir kennen es alle, wenn im dämmernden Halbschlaf andere Bewegungen sich um uns herum ausbreiten; gleitende, zarte, huschende, die vom Licht kommen, von Schatten, Geräuschen, die sich auf den Wänden ausbreiten, auf dem Boden, die übers Regal rutschen und ein Zettel schaukelt zu Boden. Diese Bewegungen der Luft und des Lichts, Bewegungen, in denen sich Konturen und Ausmasse der Gegenstände im Raum unmerklich verschieben, lösen in mir, seit ich denken kann, eine Art Seekrankheit aus, die mir so äusserlich wie zutiefst verbunden zu sein scheint. Vielleicht hat das mit dem Atem zu tun, vielleicht mit dem Vergessen. Gewiss, so dachte ich damals als Kind, war der Vierwaldstäter See im Spiel, der immer schön genannte. Auch das Hotel Sonne mit dem auf der gegenüberliegenden Seeseite gelegenen Hotel Mond. Dann wusste ich, dass die Seekrankheit, die mich im Bett oder auf dem Sofa ereilt hatte, vom Dampfer Louisa kommen musste. Eine steife Brise wehte mich an, und mit Blick in den kleinen roten Fernseher konnte ich Onkel Karl an Deck stehen und zu mir herüberwinken sehen. Zum
Andenken an ihn. Und in Begleitung von ihm sah ich den Zustand des Halbschlafs für mich geborgen, in dem sich Zeit und Raum berühren, ineinander übergehen, und sich eine Substanz bildet, in der ich mühelos – damals wie heute - über den Vierwaldstätter See gleite. Jede Andenkbarkeit hinter mir zurücklassend
Referat
Hartmut Abendschein (Ausschnitt)… Zum Konzept des Weblogs als literarästhetische Datenbank und seinen Vorhaltungen - literarische Formen im Netz.
… Der Fokus des Referats liegt auf literarischen Texten, die fürs und im Netz geschrieben werden; die Vorstellung von Text erweitert sich dabei, rückt vielleicht damit auch etwas weg von der Annahme eines Schreibens, der Herstellung maximal zu optimierender Texte, weg in Richtung der Ausstellung, Beobachtung und Begleitung von Schreibprozessen, ihren Kontexten und Kollaborationen ...
… die Produktion für ein literarisches Weblog, das immer mitgedacht wird, wird zu einem wesentlichen Teil eines literarischen Schreibens und seiner poetologischen Konzeptionen und verändert die Art und Weise der Textgenese und –einbettung, des Spiels mit Fragmenten, offenen Formen, auch experimentellen und hypertextuellen Arrangements ...
