4. Bieler Gespräche



Übersetzung von Christop Ferber aus dem Italienischen
(Original von Fabio Pusterla, siehe unter Italienisch)


Uertsch

Wer ihn beim Aufstieg von Süden her sieht, längs der bequemen Fahrstraße, dem zeigt er sich in einer falschen Perspektive, und er verwechselt ihn mit einem jener wohlgefälligen, geometrisch zum Himmel ragenden, von der Sonne geküssten Gipfel, die den Herstellern von Postkarten und Kalendern lieb sind. Nur wenn man zu Fuß das eine oder andere der verlassenen Täler, die zum Nordhang führen, hinaufsteigt, kann man ihn wirklich sehen, in seiner ursprünglichen Wahrheit: ein massiger, wutschnaubender Berg, ohne die Grazie seines Bruders Kesch, und ohne den hieratischen, kraftvollen Anblick des Ela, der ein ganzes Gebirgsmassiv um sich schart wie eine weite, gipfelbedeckte Insel. Der Uertsch, wie sein Name es zu verstehen gibt, ist ein nur zur Hälfte ausgestoßener, in einer riesigen Hand Felsen geronnener Schrei, der Luft und Wolken erfasst. Eine ausgestreckte Hand, aufrecht wie in einer Geste von Süden nach Norden, geöffnet und seit Urzeiten erstarrt; wie ein aufragender Hammer aus südlichen Ebenen, von hinten vielleicht von noch weit wuchtigeren Faltungen gedrängt, aus den Tiefen der unterirdischen Schichten hervorgehoben und dann hier geblieben. Ein riesiges Handinneres aus grauem Felsen, in hundert Farbstufen, von dunkel- bis aschgrau. Von dieser Seite aus, von der Handhöhle des Uertsch, fallen Eiszungen herab, Wasserbäche, Steinfelder; und die senkrechten Wände beherbergen Moos, Flechten, rote Flecken von Rhododendron und Selen. Hand voll Wut und voll Mitleid, reglose Wüste und Leben, das hier entsteht.

*

Alles dort übernimmt die Farbe des Felsens und bewirkt eine raue und wilde Schönheit, die verlockt und beunruhigt. Ein paar kleinere Berge, Vorposten des Uertsch, bestehen aus lockerem Gestein, rot und eisenhaltig, oder grau und schuppenartig angeordnet. Ihre Gräte sehen wie riesige Steinfriedhöfe aus und verursachen eine merkwürdige Angst.

*

Vielleicht ein Hirt, der gleiche, der den notdürftigen Unterschlupf, dort zum Tal hin, gebaut haben muss; sicher jemand, der tagelang mit dieser absurden Arbeit beschäftigt war, wahrscheinlich mit der Absicht die Zeit, die nie enden will, zu vertreiben, ohne einen praktischen Zweck, zerstreut, aber doch beharrlich. Sicher ist, dass vom fast glatten Grat des Blaisun eine lockere Lawine schieferartiger Steine bis zu den Alpwiesen gedrungen ist, bis zum lieblichen Bachrand. Und jemand hat mit diesen Steinbrocken Dutzende und Dutzende von Türmen, Pyramiden, Menhir oder auch nur Haufen von übereinander getürmten Steinen gebaut. Der Wanderer entdeckt diese Phantomstadt aus Steinen zuerst mit heiterem Erstaunen; dann, wenn er genauer hinschaut, findet er etwas Schauerliches an diesem Anblick, etwas Beunruhigendes. Und er denkt, dass nichts besser als eine derartig sinnlose, aber beeindruckende Steinkonstruktion den grausamen Akt eines Bekannten würdigen könne, der sich vor wenigen Tagen das Leben nahm, auf eine schreckliche Art und Weise, und der einsam und verlassen den Hades betreten hat.

*

Weiter oben, oberhalb von 2500 Metern, werden auch die Wiesen spärlich; es bleiben noch ein paar vage Flecken, doch die Steine haben das Sagen. Der festgefügte Stein, auf dem Gipfel oder am Abhang, in schrägen Venen, die den Horizont teilen, in Türmen, die über die Leere vorspringen; oder der lose Stein, herunter gerollt oder rollend, spröde und heimtückisch für den Schritt, oder der, der vom Wasser herangespült wird, das überall zu rinnen und unmerkbar jedes Ding zu bewegen scheint. Vom Wasser also die hellste und dauerhafteste Stimme, in tausend verschiedenen Akzenten: Wildbach, Wasserfall, Quell, Rinnsal. Zuweilen hört man Pfiffe von kleinen, achtsamen Tieren, kurze Schnalzlaute, feiner und höher als das dumpfe Auffallen der Steine, die herunter gleiten oder fallen. Es sind kleine Vögel, deren Namen ich nicht kenne, etwas zwischen Schwalbe und Elster, aber von heller, fast weißer Farbe. Sie schwirren pfeilschnell über die Felsen, kreisen, verschwinden.

*

All das, was ich sehe, und wie es jeder sehen kann: ist es nur Materie, zufällige Anhäufung durch die
Erdzeitalter hindurch, geologisches, unmenschliches Wirrwarr? Was also trifft die Einbildungskraft und den Blick, auf welche Weise kann das Naturspektakel, an sich ohne Sinn und auf die Dauer langweilig, geheimnisvolle Gedankenverbindungen bewirken, von anderem sprechen und von uns?

*

Später, zwei kleine Seen, von einer Schönheit, die wehtut, so anmutig, dauerhaft und unantastbar. Zu einfach wäre es zu sagen: wie zwei unergründliche Augen, die dich aber anschauen, vielleicht sogar wohlmeinend. Aber es sind mehr als zwei Augen. Es ist die Wirkung, die diese Augen
in ihrem Dasein auf dich haben können, und die dir jedes Mal entweicht und die dich doch gefangen hält, dich ruft und dich mitträgt und fortfliegt. Es ist deine Sehnsucht nach dem, was du nicht bist. Und vielleicht kann die Schönheit nur zu diesem Preis existieren, in Lichtblitzen.

*

Vielleicht liegt das Geheimnis des Uertsch gerade darin, dass er so viele verschiedene Dinge in sich enthält, das Wasser und den Stein, die Schönheit und den Schrecken. Ohne eine Synthese zu versuchen. Indem er in seiner Bergesgrimasse das ungeheure Gewicht des Widerspruchs aufnimmt. Schrecklicher und doch verlockender, vielleicht sogar mitleidiger Berg.




3. Bieler Gespräche


An den 3. Bieler Gesprächen wurden in deutscher Sprache Texte folgender AutorInnen zu Gehör gebracht und diskutiert:


Originaltexte

Marc Djizmedjian
Ingrid Fichtner
Annette Hug
Friederike Kretzen


Referat

Hartmut Abendschein


Übersetzungen aus dem Italienischen

(Angaben folgen)


Originaltexte

Marc Djizmedjian:
Das blaue Haus. Erzählung. (Auszüge aus dem 1. Kapitel)

1. Tage

(…) Paul hatte, als er jünger gewesen war, ein eher unstetes Leben geführt. Er hatte einige Freundinnen gehabt, war oft in irgendwelchen Bars versumpft. Zwar hatte er studiert, hatte das Studium aber nie beendet. Immer wieder hatte es Verzögerungen gegeben, und dann, ein halbes Jahr vor den Prüfungen, kurz vor seinem achtundzwanzigsten Geburtstag, kamen seine Eltern bei einem Autounfall oberhalb von Montreux ums Leben. Es war ein Schock für ihn gewesen, von dem er sich längere Zeit nicht erholte. Sein Bruder Robert, den er mehrere Jahre lang nicht gesehen hatte, reiste aus England an, wo er seit seiner Heirat lebte. Sie räumten das Haus ihrer Eltern, das sie später verkauften. Robert wohnte bei Paul in der kleinen Wohnung. Sie verstanden sich gut. Zehn Tage nach dem Begräbnis reiste Robert nach England zurück.
Nach dem Begräbnis nahm Paul die Gewohnheit an, bei seiner Tante Mathilde zu essen. Mathilde war die ältere Schwester seiner Mutter, die ihm und Robert geholfen hatte, die komplizierten Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. Mathilde war pensioniert und lebte allein. Er mochte sie, und das nicht nur, weil sie ihn nicht mit Fragen nach seiner Zukunft belästigte. Sie erzählte ihm ein paar Dinge aus dem Leben seiner Mutter, von denen er nichts gewusst hatte. Es erstaunte ihn zu hören, dass seine Mutter während mehrerer Jahre einen Liebhaber gehabt hatte. Am Begräbnis war ihm tatsächlich ein Fremder aufgefallen, den niemand zu kennen schien. Er hatte sich nicht weiter um ihn gekümmert. Nach dem Tod seiner Eltern zog Paul sich von den Menschen zurück. Seine Freunde sah er fast gar nicht mehr und er ging auch nicht mehr zur Universität. Selbst Christine, seiner damaligen Freundin, wurde er fremd, und irgendwann trennten sie sich.

Wenn Paul las, kam Solange manchmal in sein Zimmer und legte sich auf sein Bett. Sie sprachen nicht, und Paul las weiter, während Solange vom Bett aus zu ihm blickte. Sie liebte es, ihm beim Lesen zuzusehen, es gab ihr das Gefühl, dass die Dinge berechtigt waren. Es war sehr still im Zimmer, man hörte nur, wenn Paul eine Seite umblätterte.

Wer nicht wusste, dass Paul und Solange ein Paar waren, hätte sie leicht für Bruder und Schwester gehalten, und irgendwie waren sie das vielleicht auch.


Ingrid Fichtner:
Gesteigertes Wetter (ein Auszug)

Das plötzliche Einsetzen schreckt sie auf: Sirenen.
In die Mittagszeit.
Dann aber, sie ist erstaunt, entwickelt sich das Geheul nicht wirklich beunruhigend, es läuft, ver...läuft melodiös die Quart hinauf- und hinunter, füllt die Quart fast angenehm auf.
Dann ist es wieder still.
Sie schaut auf, schaut hinaus, auf die Strasse. Alles bleibt ruhig.
Das zweite Einsetzen der Sirene, wenig später, schreckt sie nicht weniger auf.
Verläuft ganz gleich.
Sonst tut sich nichts.
Was war es? Mittagszeit, halb zwei ... zwei? ... Mittwoch; heller Mittag ... im Winter ... Winter? ... Sirenen? ... Anfang Februar.
Das Haus war, die Umgebung war, sonst, so ... still.
Und ist es dann auch gleich wieder.
Auf den Alarm folgt – nichts.
Sirenen, die nichts ... bedeuten?

Am Vormittag hatte es geregnet. Frühlingshaft, sanft ... und dann wieder heftig. Am Vormittag hatten die Äste der grossen Kiefer vor dem Haus, von Windstössen gebeutelt, wild geschwankt: Seegang.
Jetzt wärmt die Sonne. Jetzt fallen kräftige Sonnenstrahlen in Ninas Arbeitszimmer. April – schon im Februar?
An der Eibenhecke lehnt noch, ragt noch die Leiter des Gärtners; wenn auch nicht bis in einen Himmel. In der Nacht musste es kalt gewesen sein, am Morgen war die Wiese von einem Hauch Schnee, einer dünnen, durchsichtigen Schneeschicht überzogen gewesen. Die Primeln schienen irgendwie geschrumpft – vielleicht hätten sie sich gern in die Erde zurück verzogen. Die lila Krokusblüten schienen bleicher, die Schneeglöckchen aber strotzten weiterhin. Unbeirrt? Sorgten jetzt sie für ein Weiss, fürs nötige Weiss?

Ganz sacht setzt Regen ein, zärtlich fast, ein Nieseln, der Wind dreht die Tropfen zu sanften Spritzern, er treibt ein Spiel mit ihnen, lässt sie dann, die reine Feuchtigkeit, in kleine Körper zusammengefasst, kurz, ganz kurz, in der Luft stehen, und schon ist alles wieder vorbei. Regen. Nur eine Andeutung, die Andeutung einer Möglichkeit. Den Boden können diese Tropfen kaum erreicht haben.
Und gleich wieder: von etwas Sonnenlicht ausgeleuchtet, lautlos, ein klein wenig schräger jetzt, Regen ... Tropfen ... Striche, immer längere, gezogen, zu immer längeren Strichen, zu feinen Striemen gezogen, und vom Boden aufgesogen.
Und plötzlich wird es dunkel, sehr dunkel, plötzlich regnet es in Strömen. Das Geländer am Balkon wird zur Reling. Die Tropfen prallen auf das Eisen, platzen, springen hoch, kleine Fontänen. Andere hängen, am unteren Rand des Geländers, wie Noten an Notenlinien hängen, werden grösser, füllen sich, werden schwer, schwerer, lösen sich, fallen.
Ist, wo Regen ist, das Meer nicht weit?


Annette Hug:
Institution (für die Übersetzung siehe Français > Traductions)

1. Corporate Identity

Ein hoher, dunkler Gang führt vielleicht zum Kundendienst. Von irgendwoher fällt Licht ein, zu sehen ist nur Reflexion auf dem blankgeputzten Fussboden. Der Gang ist mit Treppen¬häusern, Rutschbahnen, Aufzügen verbunden, auch mit weiteren Gängen, weniger geputzten; mit Kämmer¬chen, Pärken, Seenlandschaften und Seilbahnen. Rohr¬postverbindungen ras¬seln in den Wänden.
Wahrscheinlich ist der Kundendienst vorne links, wir suchen die Abteilung Sexualpart¬ner, sind als Delegation schwalbenartig formiert, die Pfeilflanken füllen den Gang aus, es wäre kein Ent¬gegen¬kommen möglich.
Eine Falltür verschluckt zuerst die Vordermänner, dann auch alle andern. Im unteren Stock¬werk sind erstmals Menschen zu sehen. Sie schunkeln, das gehört zur Firma, wird aber nicht zu Werbe¬zwecken eingesetzt. Wir fallen noch einen Stock tiefer, in einen Meditations¬kreis. Die Vordermän¬ner atmen sich vollständig aus und er¬warten uns als Biswind im Garten. Wir müssen aber zuerst unsere Reklamation deponieren.
Ein Tempelfräulein schüttet uns Quellwasser ins Gesicht, jetzt wird gegeigt, gekratzt auf allen Höhen, damit es vorwärts gehe. Auf der höchsten Höhe lässt sich der Leiter Weiterbil¬dung verneh¬men, er ist nackt, mit den Füssen hat er sich im Trapez einge¬hängt, das am Gie¬belbal¬ken festge¬macht ist. Er ruft zum Himmel hinauf - aus seiner Perspektive hinunter. Wer nicht frei denken lernt, wird erschossen, ruft er.
Die kleinen Hamster lachen mit gefüllten Backen, zu Tausenden rasen sie durch die Gänge, wir kom¬men alle ins Schleudern, fallen hin, jede in eine andere Richtung, aber der Boden ist von Hams¬tern bedeckt, so werden wir fortgetragen, wieder in eine andere Richtung.
Wo ist der Kundendienst, fragt mich eine Königin im zerfetzten Samtmantel. Gestern hatte sie viel¬leicht Makeup aufgetragen, wahrscheinlich hat sie kaum geschlafen letzte Nacht.
Wo ist der Kundendienst, Abteilung Sexualpartner, insistiert sie und glaubt nicht, dass ich eben¬falls fremd sei, man sehe mir den Domestiken an. Ausserdem glaubt sie nicht an die Evo-lution, sie leugnet die Entwicklung des Allzweckschwamms zu männlichem und weiblichem Gerät, dieses zeuge weder Butler noch Dienstmädchen. Auch keine Gärtner. Sie haben der Königin den Mantel zerfetzt und das Bett gestohlen, deshalb sieht sie so übermüdet aus.
Eine Gärtnerin unterrichtet Vogelsang, Reklamationen müssen gepfiffen werden, in vor¬ge¬gebener Melodiefolge, die Königin will aber schreien. Sie wird neu gepudert und zum Was¬serbett geführt.
Plötzlich fährt die Seilbahn vor, trägt mich in den Thronsaal, wo andere Delegierte sitzen und nach¬denken. Sie versuchen sich zu erinnern, haben noch drei Sekunden Zeit, schauen mich hoffnungs¬voll an, auch ich habe die Reklamation vergessen.
(...)

8. Kabellos
Schaumwellen überfahren den See. Ein Sender ist im Gebirge installiert, damit die En¬ten in Bewegung bleiben. Sie blinzeln das Weiss aus den Augen, wenn sich das Wasser beruhigt. Nicht für lang. Die Wellen werden wieder eingeschaltet. Wir streben nämlich den Grund an und die Wolken, Wellen sind unser Mittel, Bleifüsse das Untel und Kopf¬propeller das Obel.
Rumpfhasen können sich nicht weiter am Unternehmen beteiligen, ihr Kopf schleudert über die Wolken hinaus, von Sternen hat niemand gesprochen. Auch Zitterfersen sind nicht ge¬fragt, wellengängige Oberschenkelmuskulatur wird bei uns vorausgesetzt.
So sinken und springen auch die Gärtner durch den See. In Wellentälern legen sie heim¬lich Eier, damit nächstes Jahr wieder Enten schlüpfen.

(...insgesamt 11 Kurztexte)


Friederike Kretzen:
Reisebewegungen

1.

Onkel Karl war, lange nachdem er aus dem Krieg heimgekehrt war, eines Tages in die Schweiz gereist und hatte mir etwas mitgebracht. Eine Kiste zum Hineinschauen, wie es sie damals von allen als schön bekannten Orten gab, und sie sollten an diese erinnern. Meine Kiste war rot, und als ich später Howling Wolf das Lied ‚Little Red Rooster’ singen hörte, musste ich an sie denken. Auf der Rückseite befand sich das winzige Guckloch, durch das in die Kiste hineinzuschauen war. Als erstes Bild zeigte sich darin gleich der schöne Vierwaldstätter See. Auf Knopfdruck kam das nächste Bild zum Vorschein. Das war das Hotel Sonne, dem das Hotel Mond, auf der gegenüberliegenden Seite des Sees gelegen, folgte. Die Bilder selbst boten nichts weiter als das, doch im Blick auf sie wurde ich auch der halbschwarzen Dunkelheit ansichtig, in der sie hausten, um auf Knopfdruck daraus aufzutauchen, angeschaut zu werden und wieder zu verschwinden. Diesen Blick in ein ungewisses Innere, das es ausserhalb dieses kleinen Kastens nicht gab, nirgendwo auf der Welt, brachten die Bilder mit sich und erlaubten mir ins Auge zu fassen, was nicht Fassbar war. Wunderbar oder wohltuend daran war, dass das nicht ich war, sondern etwas anderes; etwas wie Dunkelheit, Licht, Atem und ein leiser seufzender Ton. Und so unfassbar das war, so ansehbar war es in den sechs Bildern, zu denen auch der Ausflugsdampfer Louisa und die Kirche von Beckenried mit dem angrenzenden Friedhof gehörten. Ich konnte, - wie es so schön heisst - die Augen nicht mehr losreissen von jenem Unansehbaren zu Füssen der Ansichten von See, Hotel, Kirche, das sich dort irgendwo verbarg und auf Knopfdruck hochrutschte.

So geschahen meine ersten, frühen Ausflüge in Gegenden des Andenkens, die niemals vorzufinden waren in einem äusseren Land. Es sei denn, ich hätte vorher, vor jedem Blick, alles, was ich sehen konnte, und dazu gehörte auch alles, was ich nicht sehen konnte, hineingetragen in jenes Land. Das dieser kleine Fernseher mit sich brachte. Und zwar in Form einer ansehbaren und andenkbaren Verborgenheit. Und das war eine Form, in der ich mich mit allem, was ich sah, verbunden fühlte.

Wir kennen es alle, wenn im dämmernden Halbschlaf andere Bewegungen sich um uns herum ausbreiten; gleitende, zarte, huschende, die vom Licht kommen, von Schatten, Geräuschen, die sich auf den Wänden ausbreiten, auf dem Boden, die übers Regal rutschen und ein Zettel schaukelt zu Boden. Diese Bewegungen der Luft und des Lichts, Bewegungen, in denen sich Konturen und Ausmasse der Gegenstände im Raum unmerklich verschieben, lösen in mir, seit ich denken kann, eine Art Seekrankheit aus, die mir so äusserlich wie zutiefst verbunden zu sein scheint. Vielleicht hat das mit dem Atem zu tun, vielleicht mit dem Vergessen. Gewiss, so dachte ich damals als Kind, war der Vierwaldstäter See im Spiel, der immer schön genannte. Auch das Hotel Sonne mit dem auf der gegenüberliegenden Seeseite gelegenen Hotel Mond. Dann wusste ich, dass die Seekrankheit, die mich im Bett oder auf dem Sofa ereilt hatte, vom Dampfer Louisa kommen musste. Eine steife Brise wehte mich an, und mit Blick in den kleinen roten Fernseher konnte ich Onkel Karl an Deck stehen und zu mir herüberwinken sehen. Zum
Andenken an ihn. Und in Begleitung von ihm sah ich den Zustand des Halbschlafs für mich geborgen, in dem sich Zeit und Raum berühren, ineinander übergehen, und sich eine Substanz bildet, in der ich mühelos – damals wie heute - über den Vierwaldstätter See gleite. Jede Andenkbarkeit hinter mir zurücklassend


Referat

Hartmut Abendschein (Ausschnitt)

… Zum Konzept des Weblogs als literarästhetische Datenbank und seinen Vorhaltungen - literarische Formen im Netz.

… Der Fokus des Referats liegt auf literarischen Texten, die fürs und im Netz geschrieben werden; die Vorstellung von Text erweitert sich dabei, rückt vielleicht damit auch etwas weg von der Annahme eines Schreibens, der Herstellung maximal zu optimierender Texte, weg in Richtung der Ausstellung, Beobachtung und Begleitung von Schreibprozessen, ihren Kontexten und Kollaborationen ...

… die Produktion für ein literarisches Weblog, das immer mitgedacht wird, wird zu einem wesentlichen Teil eines literarischen Schreibens und seiner poetologischen Konzeptionen und verändert die Art und Weise der Textgenese und –einbettung, des Spiels mit Fragmenten, offenen Formen, auch experimentellen und hypertextuellen Arrangements ...